Es war einmal
Als Erwachsene die Kindheit entdeckten, entstand das Kinderbuch. Erst zweieinhalb Jahrhunderte ist das her. Ist nun der Punkt für einen Abschied gekommen?Jean-Jacques Rousseau: Kinder sind mehr als nur kleine Erwachsene. (Gemälde von Maurice Quentin de la Tour, um 1760)
Kinder sind nämlich, erstens, ziemlich schwer zu begreifen und leben, zweitens, in einer ziemlich eigenen Welt. Rousseaus Schrift Emile oder über die Erziehung, die 1762 erschien, ist kein Kinderbuch sondern ein Buch über Kinder. Aber Bücher, die wirklich zu Kindern passen, wären ohne den Emile, ohne die bahnbrechenden Einsichten Rousseaus, so schnell nicht entstanden.
Hornbücher und Katechismen
Natürlich gab es schon vor Rousseaus bedeutender Entdeckung einer eigenständigen Kinderwelt Bücher für Kinder. Berühmt waren zum Beispiel die so genannten Hornbücher aus dem 15. Jahrhundert: Da hatte man einzelne Seiten mit riesig gedruckten Lettern darauf in schützende Rahmen aus Horn geklemmt. Als Kinderlektüre galten auch Auszüge aus der Bibel, religiöse Lieder und Katechismen. ABC-Bücher halfen beim Erlernen des Lesens.
Alles in allem waren Bücher für Kinder damals ausgesprochen moralisierend, oft setzte man auf heilsamen Schrecken. Lesen sollte erziehen - und vorbereiten aufs Himmelreich: Noch in der frühen Neuzeit starb ja ungefähr jedes zweite Kind vor dem Erreichen des 14. Lebensjahrs. Meist unterschieden sich Bücher für Kinder nicht sehr von den Büchern, die Erwachsene lasen, wenn sie denn lesen konnten. Kinder erfuhren ungefiltert von den Freuden und Leiden der Großen.
Rousseau gab den Anstoß zum Wandel. Deutsche Philanthropen griffen seine Ideen auf: Die Welt der Kinder könne nur vom Kind aus verstanden werden, autoritäre Erziehung entbehre folglich der Legitimität. Der Schrecken gehört abgeschafft, Kindheit ist ein geschützter Raum.
Robinson für Jüngere
Joachim Heinrich Campe (1746 bis 1818), Philanthrop aus Braunschweig, liefert 1779 das Vorbild für Kinder- und Jugendbücher im neuen, rousseauschen Geist. Robinson der Jüngere heißt Campes kindgemäße Bearbeitung des damals schon enorm populären Robinson Crusoe von Daniel Defoe: Ein Vater erzählt, so die Rahmenhandlung, seinen Kindern die Robinson-Geschichte, beantwortet Fragen, erklärt.
In den Kinderstuben des Bürgertums sind Bücher bald alltägliches Utensil. Kindheit ist als eigenständige Lebensphase erkannt und anerkannt - und mit ihr das Kinderbuch.
Kindgerechte Vergangenheit
Am Anfang des 19. Jahrhunderts geschieht jedoch weit mehr, was kindgerechte Lektüre betrifft: Jakob und Wilhelm Grimm geben zwischen 1812 und 1815 ihre Kinder- und Hausmärchen heraus. Die Grimms stützen sich dabei auf einen wichtigen Gedanken der Romantik: Kindgerecht ist, was der Vergangenheit angehört! Gemeint ist eine idealisierte Vergangenheit, wo Bäume noch sprechen, wo Hexen zaubern und Feen ihr Wesen treiben - und wo Geld noch nicht das Leben bestimmt. Der Gedanke ist so fruchtbar, dass ihn Kinderbuchautoren immer wieder aufgreifen werden.
In der Gegenwart spielend und satirisch gemeint, als Parodie auf die Pädagogik des Schreckens, ist allerdings das wohl bekannteste Kinderbuch der Deutschen: Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Der Frankfurter Nervenarzt Hoffmann hatte 1844 vergeblich nach einem Weihnachtsgeschenk für seinen ältesten Sohn gesucht. Schließlich zeichnete und dichtete Hoffmann selber, mit dem bekannten Resultat. Gerade beim Struwwelpeter wird klar, wie sehr das Kinderbuch der Bilder bedarf.
Offen zur realen Erwachsenenwelt
Glücklich im Zwanzigsten Jahrhundert angekommen, erlebt die Kinderliteratur mit ihren Abenteuern und Märchen und Bildergeschichten so etwas wie eine kleine Revolution. Ohne Zweifel hat das mit den Revolutionen der Erwachsenen zu tun, mit Weltkrieg, sozialer Unruhe und Bürgerkrieg.
Briefmarke zum 100. Geburtstag von Erich Kästner: Das Titelbild des Romans Emil und die Detektive ist ihr Motiv.
Ab ungefähr 1950 ziehen sich Kinderbuchautoren wieder auf kindspezifische, fiktive Handlungsorte zurück. Astrid Lindgrens Bullerbü-Erzählungen etwa, erschienen zwischen 1947 und 1966, halten die Erwachsenenwelt weitgehend vor der Tür. Dafür erreichen Kinderbücher endlich auch jene Schichten, die bisher von der bürgerlichen Sitte des Bücherlesens unberührt geblieben waren.
Literatur der Gleichberechtigung
Eine erneute Wende setzt in den 1970er Jahren ein, auch dies Folge gesellschaftlicher Veränderungen: "Die neue Kinderliteratur ab 1970 ist eine Literatur der kindlichen Gleichberechtigung," schreibt der Kinderbuch-Experte Hans-Heino Ewers. "Das ihr zugrunde liegende Kindheitsbild hebt auf die Gemeinsamkeiten von Kindern und Erwachsenen ab." Damit ist eine Trendwende eingeleitet, vielleicht schon ein Warnsignal gesetzt: Tendenziell höre Kinderliteratur auf, sich von Erwachsenenliteratur inhaltlich und stilistisch zu unterscheiden, betont Ewers.
Hauptursache der Entwicklung, die Rousseaus Einsichten mehr und mehr zurückzunehmen scheint, ist die rasante Veränderung der Medienlandschaft selbst: Den Anfang macht das Fernsehen, das ab den 1970er Jahren Gemeingut wird. Elektronische Medien verschaffen Kindern Zugang zu Bereichen, die einst exklusive Domäne der Erwachsenen waren.
"Erwachsene Kinder"
Teletubbies, Computer und Internet drängen das Kinderbuch schließlich in eine Nische: Erstlesebücher, zum schlichten Erwerb von Lesekompetenz, sind, laut Ewers, "eine der auffälligsten Neuerungen der letzten anderthalb Jahrzehnte". Die Parallele zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit fällt auf.
Geschichten und kurze Erzählungen, präsentiert in Großdruck, haben auf dem Büchermarkt Konjunktur. Ansonsten lesen Kinder, was auch viele Erwachsene lesen: Harry Potter hat seine Fangemeinde in beiden Lagern. "Kindliche Erwachsene" und "erwachsene Kinder" meint der Erziehungswissenschaftler Neil Postman zu sehen. Damit schließt sich der Kreis: 1762, das Jahr der Entdeckung der Kindheit und der Erfindung des Kinderbuchs, ist spätestens seit der Jahrtausendwende Vergangenheit.
Michael Schmittbetz (08.03.2012)
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Erich Kästner
Einen kindlich unbefangenen Blick auf die soziale Realität hat sich kaum ein zweiter Kinderautor so bewahrt wie der 1899 geborene Schriftsteller Erich Kästner. Sein Kinderroman Emil und die Detektive erregte 1928 nicht nur Aufsehen wegen der spannenden Handlung.
Für die damalige Kinderliteratur waren zum Teil märchenhafte, auf jeden Fall aber fiktive Handlungsorte üblich. Kästner legte die Handlung seines Romans nun mitten in die Großstadt Berlin, in die Gegenwart. Denselben Gegenwartsbezug haben zwei weitere Kinderbücher Kästners: Pünktchen und Anton (1931) und Das fliegende Klassenzimmer (1933).
Kästner, aufgewachsen unter kleinbürgerlichen Verhältnissen in Dresden, war Zeit seines Lebens Humanist und Antimilitarist. Von 1919 bis 1925 studierte der Sohn eines Sattlermeisters und einer Friseuse Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. 1925 folgte die Promotion.
Bestimmend blieb weit über die Phase des Erwachsenwerdens hinaus die Beziehung zu seiner Mutter Ida Kästner. Der Mutter gegenüber fühlte sich noch der etablierte Schriftsteller in der Schuld, ihr schrieb er fast täglich. Doch "Muttersöhnchen" war Kästner auf sehr vielschichtige Weise - und eben mit literarischen Folgen.
Biografen betrachten die Jahre zwischen 1927 und 1933 als Kästners produktivste Phase. Die Kinderbücher verschafften ihm Anerkennung und eine relativ gesicherte Existenz. Ab 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, war Kästner Schikanen ausgesetzt, bis hin zur Verbrennung seiner Bücher 1933 und zum Schreibverbot 1942.
Anders als zahlreiche Schriftstellerkollegen entschloss Kästner sich jedoch, in Deutschland zu bleiben. Während der Nazizeit verfasste er unter Pseudonym Unterhaltungsliteratur und Filmdrehbücher.
1945, nach Kriegsende, zog Kästner nach München. Dort leitete er ein Feuilleton und gab eine Kinderzeitschrift heraus. Mit dem Doppelten Lottchen (1950) hatte er noch einmal literarischen Erfolg. Die politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik, allem voran die Re-Militarisierung, sagten ihm wenig zu.
Veröffentlichungen wurden selten, wozu auch Kästners zunehmender Alkoholismus beitrug. Ab 1965 zog er sich aus dem Literaturbetrieb zurück. Erich Kästner starb, laut Zeitzeugen ein gebrochener Mann, am 29. Juli 1974 an Speiseröhrenkrebs.
Für die damalige Kinderliteratur waren zum Teil märchenhafte, auf jeden Fall aber fiktive Handlungsorte üblich. Kästner legte die Handlung seines Romans nun mitten in die Großstadt Berlin, in die Gegenwart. Denselben Gegenwartsbezug haben zwei weitere Kinderbücher Kästners: Pünktchen und Anton (1931) und Das fliegende Klassenzimmer (1933).
Kästner, aufgewachsen unter kleinbürgerlichen Verhältnissen in Dresden, war Zeit seines Lebens Humanist und Antimilitarist. Von 1919 bis 1925 studierte der Sohn eines Sattlermeisters und einer Friseuse Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. 1925 folgte die Promotion.
Bestimmend blieb weit über die Phase des Erwachsenwerdens hinaus die Beziehung zu seiner Mutter Ida Kästner. Der Mutter gegenüber fühlte sich noch der etablierte Schriftsteller in der Schuld, ihr schrieb er fast täglich. Doch "Muttersöhnchen" war Kästner auf sehr vielschichtige Weise - und eben mit literarischen Folgen.
Biografen betrachten die Jahre zwischen 1927 und 1933 als Kästners produktivste Phase. Die Kinderbücher verschafften ihm Anerkennung und eine relativ gesicherte Existenz. Ab 1933, nach der Machtergreifung der Nazis, war Kästner Schikanen ausgesetzt, bis hin zur Verbrennung seiner Bücher 1933 und zum Schreibverbot 1942.
Anders als zahlreiche Schriftstellerkollegen entschloss Kästner sich jedoch, in Deutschland zu bleiben. Während der Nazizeit verfasste er unter Pseudonym Unterhaltungsliteratur und Filmdrehbücher.
1945, nach Kriegsende, zog Kästner nach München. Dort leitete er ein Feuilleton und gab eine Kinderzeitschrift heraus. Mit dem Doppelten Lottchen (1950) hatte er noch einmal literarischen Erfolg. Die politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik, allem voran die Re-Militarisierung, sagten ihm wenig zu.
Veröffentlichungen wurden selten, wozu auch Kästners zunehmender Alkoholismus beitrug. Ab 1965 zog er sich aus dem Literaturbetrieb zurück. Erich Kästner starb, laut Zeitzeugen ein gebrochener Mann, am 29. Juli 1974 an Speiseröhrenkrebs.
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Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR...
fußte in ihren Anfängen auf Werken der proletarischen Literatur der 1920er und 1930er Jahre. Ein Beispiel ist Alex Weddings Ede und Unku (zuerst 1931 erschienen, 1954 wieder aufgelegt).
Viele Texte waren der antifaschistischen Problematik verpflichtet. Historische Erzählungen griffen jedoch auf ein weites Themenfeld zurück. Das reichte von der Eroberung des Nordpols bis in den Bauernkrieg, von fernen Ländern bis hin zu deutschen Dorfgeschichten, wie in Ehm Welks Die Heiden von Kummerow.
Natürlich gab es ideologische Prägung, nicht selten mit didaktischem Zungenschlag. Typisch war der ins Kollektiv einzugliedernde - und erfolgreich eingegliederte - Außenseiter. Politische Feindbilder wurden eher behutsam aufgebaut. Zur Kinderliteratur zählten, nach ausgiebiger Diskussion, weiterhin Grimms Märchen.
Soziale Gegenwart für Kinder erzählte unter anderem Erwin Strittmatter (Tinko); Erinnerungsliteratur für Jugendliche präsentierten neben vielen anderen Dieter Noll (Die Abenteuer des Werner Holt, 1960) oder Horst Beseler (Käuzchenkuhle, 1965).
Der Trend zur Kinder-Emanzipation war auch in der späten Kinder- und Jugendliteratur der DDR nicht zu übersehen: Heranwachsendenprobleme, Liebe, Sexualität und Konflikte mit Autoritäten waren ausführlich behandelte Themen.
Franz Fühmann (Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel) und Peter Hacks (Kinderkurzweil) lieferten Beiträge zu einer fantastischen beziehungsweise fiktionalen Kinderliteratur in der DDR.
Zu den Eigentümlichkeiten der DDR-Kinder- und Jugendliteratur gehört, dass einige "heiße" Fragen, zum Beispiel zum Umweltschutz, relativ offen angesprochen werden konnten. Anders als in der Erwachsenenliteratur hat die Zensur hier offenbar ein Auge zugedrückt. Sogar Sozialkritik war innerhalb gewisser Grenzen möglich.
Viele Texte waren der antifaschistischen Problematik verpflichtet. Historische Erzählungen griffen jedoch auf ein weites Themenfeld zurück. Das reichte von der Eroberung des Nordpols bis in den Bauernkrieg, von fernen Ländern bis hin zu deutschen Dorfgeschichten, wie in Ehm Welks Die Heiden von Kummerow.
Natürlich gab es ideologische Prägung, nicht selten mit didaktischem Zungenschlag. Typisch war der ins Kollektiv einzugliedernde - und erfolgreich eingegliederte - Außenseiter. Politische Feindbilder wurden eher behutsam aufgebaut. Zur Kinderliteratur zählten, nach ausgiebiger Diskussion, weiterhin Grimms Märchen.
Soziale Gegenwart für Kinder erzählte unter anderem Erwin Strittmatter (Tinko); Erinnerungsliteratur für Jugendliche präsentierten neben vielen anderen Dieter Noll (Die Abenteuer des Werner Holt, 1960) oder Horst Beseler (Käuzchenkuhle, 1965).
Der Trend zur Kinder-Emanzipation war auch in der späten Kinder- und Jugendliteratur der DDR nicht zu übersehen: Heranwachsendenprobleme, Liebe, Sexualität und Konflikte mit Autoritäten waren ausführlich behandelte Themen.
Franz Fühmann (Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel) und Peter Hacks (Kinderkurzweil) lieferten Beiträge zu einer fantastischen beziehungsweise fiktionalen Kinderliteratur in der DDR.
Zu den Eigentümlichkeiten der DDR-Kinder- und Jugendliteratur gehört, dass einige "heiße" Fragen, zum Beispiel zum Umweltschutz, relativ offen angesprochen werden konnten. Anders als in der Erwachsenenliteratur hat die Zensur hier offenbar ein Auge zugedrückt. Sogar Sozialkritik war innerhalb gewisser Grenzen möglich.



